"Ich geh' halt, was soll ich hier laufen"

Tiefschwarz hat sich die zweite Nacht über die Läufer gesenkt. Einzige Lichtpunkte weit und breit sind die Positionslampen an den Trikots und die Scheinwerfer der Begleitfahrzeuge. Die dörrende Hitze ist der Monotonie der Dunkelheit gewichen.

Der Start der ersten Gruppe in Badwater liegt bereits 37 Stunden zurück. Uli Weber, der 51-jährige aus Bamberg, geht inmitten der riesigen Ebene vor Lone Pine. Noch rund 40 Kilometer liegen vor ihm. Sein Gesicht ist eingefallen, sein Laufshirt hängt an ihm wie an einer Stuhllehne, doch sein Gang ist noch einigermaßen rund. "Ich geh' halt, was soll ich hier laufen." Weber will nur noch Durchkommen, die Zeit ist längst nicht mehr von Bedeutung. "Bei so einem Rennen", sagt er, "wirfst Du alle Prognosen über den Haufen."

Vom Begleitfahrzeug eilt Eberhard Frixe herbei und bringt ihm eine frische Getränkeflasche. Der 50-jährige, als Teilnehmer angereist, leistet jetzt Hilfsdienste. Noch vor der ersten Zeitnahme in Furnace Creek, nach rund 20 Kilometern, traf ihn der "Hitze-Hammer".

Frixe taumelte in Schlangenlinien über die Straße, wäre dabei fast von einem Bus überfahren worden und wurde dann in den Armen seiner Crew ohnmächtig. Dann wölbte sich eine harte Kugel aus seinem Bauch und er mußte sich mehrmals heftig übergeben. "Ich selbst weiß davon nichts mehr, hab mir das alles hinterher erzählen lassen müssen", sagt Frixe während er wieder zum Auto zurückgeht.

Es sei ihm schnell wieder besser gegangen, und kurz habe er sich gefragt, was wohl seine Kumpels sagen, wenn er so nach Deutschland heimkehrt. Er, der in 20 Jahren auf der Langstrecke noch niemals ausgestiegen sei. Aber weiterlaufen habe er dann doch nicht mehr wollen. Dazu sei die Strecke zu schwer und zu lang. "Da hat die Vernunft gesiegt." Vernunft -- ein Begriff, der seltsam anmutet im Zusammenhang mit einem Laufwettbewerb an einem der heißesten Orte der Erde.

Auch Joey Kelly ist noch im Rennen. Zirka drei bis vier Meilen hinter Weber bewegt er sich mit klein gewordenen Schritten in einem Lichtkegel. Er hat seine eigene Filmcrew dabei, die ihn gerade für eine weitere Sequenz ausleuchtet. "Ich fühl mich gut", sagt er kaum hörbar und hebt den Daumen seiner linken Hand. Die tiefen Ringe unter seinen Augen verraten das Gegenteil. Dann wird das Kameralicht ausgeschaltet und die Nacht verschlingt Joey Kelly und noch rund 50 weitere Läufer, die das Ziel am Mount Whitney noch nicht erreicht haben.

Joey Kelly
Ein gezeichneter Uli Weber
Nur das Brustlich leuchtet in der Nacht
Frau mit Helferin
Daumen hoch