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"Ihr seid alle Helden!"
Das Teilnehmerfeld ist komplett
Furnace Creek, 26. Juli. Plötzlich sind sie alle da, 74 sehnige
Gestalten aus 12 Nationen. Geduldig stehen sie Schlange, um
ihre "Goodie-Bags" mit den ausladenden Mützen, den Startnummern
und sonstigen Dingen in Empfang zu nehmen. In einem Fernseher
auf dem Empfangstisch läuft ein Video vom letztjährigen Rennen,
Titel: "Der Weg zur Hölle." Einer der Teilnehmer, ein Versehrter
aus dem Vietnam-Krieg, wechselt in dem Film gerade seine Beinprothese.
Es wird eifrig gestrickt am Mythos Badwater.
Viele der Extremsportler, die sich im Visitor-Center zum
Pre-Race-Meeting eingefunden haben, sind in ihrem Leben schon
öfter Marathons und Ultramarathons gelaufen als sich so mancher
Normalbürger zum Feierabendspaziergang aufraffen konnte. Zum
Beispiel Marshall Ulrich. Der 49-jährige Geschäftsmann aus
Brighton, Colorado, ging allein im Death Valley bereits neun
Mal an den Start. Fünf Mal beendete er das Rennen als Sieger.
Vor zwei Jahren nahm er die 217 Kilometer lange Strecke außer
der Reihe ganz alleine in Angriff, ohne Crew. Seine Getränke
zog er auf einen Handkarren hinter sich her. Im offiziellen
Rennmagazin berichtet Ulrich von seiner schönsten Halluzination
dabei -- ein hübsches Mädchen in einem silbernen Bikini lief
auf Rollschuhen vor ihm her.
Oder Jack Denness, der zum neunten Mal aus Rochester in der
englischen Grafschaft Kent anreiste. Ein 65-jähriger Berufskraftfahrer,
mit der Erfahrung von über 100 Marathons, dem die Tortur im
Death Valley Visionen von einem Raumschiff bescherte. Man
kennt sich. Denness schlendert hier- und dorthin grüßend durch
die Reihen und umarmt schließlich Lisa Smith. Die 39-jährige,
ebenfalls eine alte Bekannte in der Badwater-Gemeinde, bildet
diesmal zusammen mit zwei Männern ein amerikanisches Team.
Die Gegner des Teams sind -- wie könnte es anderes sein --
drei Russen. In die Wertung kommen jeweils die beiden Schnellsten.
Am Mikrophon erinnert Badwater-Veteran Ben Jones -- von Renndirektor
Chris Kostman als "Bürgermeister" des Rennens tituliert --
an alte Zeiten, als die Läufer noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit
zum Mount Whitney getrabt sind. Das ist diesmal ganz anders.
Allein aus Deutschland sind zwei Fernsehteams vor Ort. Der
Auftrieb auf der Strecke wird so groß sein wie nie zuvor.
Und genau das ist es, was den Organisatoren Sorge bereitet.
Obwohl der Badwater Ultramarathon in der Laufszene Kultstatus
genießt, ist die Veranstaltung nicht ungefährdet. Renndirektor
Chris Kostman und ein Polizist mahnen unisono zur Disziplin.
Ein schwerer Unfall und die Parkverwaltung könnte dem Lauf
den Garaus machen.
Ernsthaft verschwendet daran freilich keiner der Anwesenden
einen Gedanken. "Ihr seid alle Helden!", ruft ihnen Kostmann
zu und lässt dabei etwas Pathos in den Raum tropfen. Fast
zwingend kündigt der Renndirektor an, eine "Badwater Hall
of Fame" aus der Taufe heben zu wollen. Sein erster Kandidat
zur Aufnahme in die Ruhmeshalle wäre Al Arnold gewesen. Jener
Arnold, der 1977 als erster die Strecke zwischen Badwater
und dem Mount Whitney bewältigte und das Rennen quasi begründete.
Der inzwischen 72-jährige, ließ Kostman wissen, sei zwar sehr
gerührt gewesen, hätte die Ehrung aber für dieses Jahr abgelehnt.
Er fühle sich zu fett. Gleichwohl sei sein Anruf für Arnold
Motivation genug gewesen, um sofort das Training aufzunehmen
-- für das nächstjährige Rennen.
Kostman ist gerade dazu übergegangen auf die Regeln des Rennens
zu erklären, als die Tür zur Halle von außen aufgerissen wird.
Aus dem Lichtschein, der in den Raum fällt, stakst etwas ungelenk
ein ausgezehrter Mann mit einer weißen Sonnenschutzmütze.
Kostman wusste, dass er kommt und stellt ihn als Adam Bookspan
vor. Bookspan kam ohnehin am Visitor-Center vorbei, auf seinem
Weg zurück vom Mount Whitney nach Badwater, wo er morgen mit
den 73 anderen wieder in die umgekehrte Richtung laufen wird.
Der 34-jährige Musiker aus Florida will das Triple schaffen,
den dreifachen Badwater-Ultramarathon. Es gibt eben für alles
noch eine Steigerung...
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